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9. Juli 2011 Von Tauschhandel und Naturalgeld zur virtuellen Währung


Virtuelle Währungen – ein Tsunami, der sich fast unbeachtet in den letzten Jahren aufgebaut hat. Dabei sind sie “nur” ein weiterer Schritt in der jahrtausende alten Entwicklung von Tauschhandel und Naturgeld über Papierbildchen (Geldscheine) bis zu diesem elektronischem Geld (mehr Details dazu weiter unten).

Bereits seit drei Semestern ist dieses Thema Teil meiner Vorlesungen (E-Business Grundlagen, E-Commerce bzw. Mobile Commerce) an der FOM (Fachhochschule für Oekonomie & Management) und der DDA. Meine Studenten waren oft erstaunt und verwundert, was da eigentlich passiert im Internet und mit virtuellen Währungen. Und auch viele Praktiker und Fachleute haben das oft nur als “Spiel” oder unbedeutendes Nebenthema wahrgenommen. Jetzt aber wird die Brisanz in größerer Breite erkannt: die Wirtschaftswoche hat das Thema auf die Titelseite der aktuellen Ausgabe (28 vom 11.7.2011) genommen: “Vorsicht Cyber-Geld – wie im Netz neue Währungen entstehen – und wo die Gefahren lauern”.

Lob an die Wirtschaftswoche, die Bedeutung des Themas erkannt zu haben! Und Gruß an meine Studenten: so schnell kann ein scheinbar “skuriles” Thema breite Bedeutung erlangen und so zukunftsorientiert und praxisnah kann Vorlesung sein ;-)

Los ging es mit Tauschhandel und Naturalgeld

Die Entwicklung des uns heute so selbstverständlichen Geldes hat einen langen Weg hinter sich. Denn zuerst haben Menschen direkt getauscht: das geschlagene Reh gegenBrot, den Lederschurz gegen gesammelte Früchte und so weiter. Das wurde aber mit zunehmender Anzahl von Produkte kompliziert (wer wollte heute Erdbeeeren gegen Laptop tauschen???), weshalb sich bestimmte Produkte als allgemeingültiges Tauschgut etablierten, das so genannte Naturalgeld.

Für 1/8 Tonne Honig hatte man in der englisch-isländischen Marktordnung des 15. Jahrhunders 15 Stockfische zu zahlen, für eine Tonne Wein 100 Stockfische und für 48 Ellen Tuch 120 Stockfische. Oft waren diese Naturalwährungen regional geprägt: Kakaobohnen in Südamerika, Muscheln in Melanesien oder in vielen Gegenden Salz.

Einführung des Metall-/Münzgeldes

Naturalgeld hatte allerdings einige Nachteile: es war oft schwer zu transportieren, es konnte quasi “selbst hergestellt werden” und die Haltbarkeit war begrenzt (Salz durfte nicht im Regen stehen, war aber fälschungssicher).

Deshalb wurde Naturalgeld durch Münzgeld ersetzt. Oft waren es Stäbe, Barren oder Ringe aus seltenen Metallen wie Gold, Silber und Kupfer. Den Wert dieses Zwischentauschmittel hat anfänglich fast immer das Gewicht bestimmt.

Vom Münzgeld zu bunten Papierbildchen

Regierungen hatten aber auch damals schon ein Problem: sie hatten nicht genug Geld. Um neues Geld für Kriege und Luxus auszugeben, musste man aber aufwändig Gold und Silber beschaffen. Dies war ein Grund, dass standardisierte Münzen entstanden: unabhängig vom eigentlichen Gewicht hatten sie einen bestimmten Wert. Dieser war nur durch das eingeprägte Symbol festgelegt. Herrscher erklärten Münzen so zu gültigem Geld.

Stück für Stück konnten Herrscher so den Gold- bzw. Metallgehalt der Münzen reduzieren. Sie konnten neues Geld einfach Kraft ihrer Authorität produzieren (und ausgeben), ohne aufwändig seltene Metalle in größerer Menge beschaffen zu müssen.

Die Spitze dieser Entwicklung vom gewichtsabhängigen Geldwert hin zum reinen Symbolgeld war das Papiergeld. Geldscheine haben eigentlich gar keinen realen Wert (sie sind nur bunt bedrucktes Papier). Der Wert ist rein symbolisch. Die Folge: der Wert dieses Geld bleibt nur so lange erhalten, wie eine Staatsauthorität die Währung sichert und eine große Anzahl von Menschen sicher ist, für diese “wertlosen bunt bedruckten Papierstücke” auch wieder wertvolle reale Güter zu bekommen.

Den Wert sicherte einige Zeit der Goldstandard ab: die Regierungen versicherten, immer genug Gold auf Lager zu haben, um die gedruckten Geldscheine notfalls umtauschen zu können. Neues Geld drucken hieß: mehr Gold auf Lager legen. Das schaffte Sicherheit und Vertrauen in eine Währung.

Erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurde dieser Goldstandard dann aufgehoben. Im ersten Schritt mit festen Wechselkursen (Bretton-Woods-System), ab 1970er Jahre dann mit völlig freien Währungen. Ab diesem Zeitpunkt existierte für das symbolische Geld kein realer Gegenwert mehr.

Geld – nicht mehr anfassbar

Die Entwicklung endete aber nicht beim Papiergeld. So genanntes Buch- und Giralgeld hat überhaupt keine physische Existenz mehr. Es existiert nur als Buchung auf Girokonten und ist eine Art “Wertversprechen”. Statt Stockfische, Goldbarren, Münzen oder Papiergeld auszutauschen überträgt eine Überweisung “nur” eine Zahl von einem Konto auf ein andere. Nichts ist anfassbar, es gibt keinen Ort, den man dem Geldaustausch zuordnen könnte. Erst der Geldautomat macht dann aus diesem Giralgeld wieder bunt bedruckte Papierstückchen.

Auf diesem Giralgeld basieren auch viele der uns heute bekannten elektronischen Zahlungsverfahren, von Kreditkarten bis zu PayPal.

E-Money / virtuelle Währungen

Der entscheidende Schritt zu virtuellen Währungen: diese werden nicht mehr von einer staatlichen Authorität herausgegeben und gesichert. Sie entstehen in virtuellen Welten von Unternehmen, einer beliebigen Gruppe oder Einzelpersonen. Beispiele sind die Linden Dollar in Second Life, der Q Coin in China oder die in der letzten Zeit bekannt gewordenen Bitcoins. Auch Facebook Credits sind ein heißer Kandidat, sich zu einer bedeutenden Währung zu entwickeln.

Bei allen diesen Währungen gibt es keinen Staat und keine Zentralbank, die die Währung kontrolliert. Die Anzahl der herausgegebenen Währungseinheiten (das “Gelddrucken”) unterliegt keiner offiziellen Kontrolle und wird nur von einem Unternehmen, einer Person oder einem mathematischen Algorithmus kontrolliert. Es gibt keine gesetzlich regulierten Banken und Juristen tun sich schwer (welcher Richter möchte entscheiden, ob die Investition von Linden Dollar in eine virtuelle Bar in Second Life ein Betrug war? Wir dürfen auf spannende Rechtsfälle warten …).

Es gibt Börsen und die Umtauschkurse in reale Währungen – und damit Einfluss auf die Realwirtschaft und das Wohlergehen unserer Gesellschaft. Aber es gibt kaum eine Kontrolle. Und mit Blick auf die Finanzkrise 2008/2009, die in einem regulierten Weltfinanzwesen auftreten konnte, fragt man sich, welche Risiken hier auf uns zukommen, wenn noch mehr Geld in diese virtuellen Währungen fließt.

Nicht zufällig war der Weg von Goldmünzen mit Gewichtswert hin zu rein symbolischem Geld mit dem Aufbau größerer Gesellschaften, Staaten  und Institutionen (wie Zentralbanken) verbunden. Nur diese konnten den Wert dieses Symbolgeldes ausreichend garantieren. Schon deshalb müssen auch für virtuelle Währungen Systeme entwickelt werden, die die Stabilität des Geldwertes und dessen Sicherheit garantieren. Nur so sind fallen wir nicht von Finanzkrise zu Finanzkrise der virtuellen Währungen. Nur so lassen sich die Vorteile virtueller Währungen für unsere vom Internet geprägte Gesellschaft sinnvoll nutzen.

Es ist an der Zeit, dass sich Fachleute aus Finanzwesen, Technik, Recht und Politik interdisziplinär mit diesem Thema auseinandersetzen. Hoffen wir, dass der Artikel in der Wirtschaftswoche ein Anstoß dazu ist.

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